Was sagen und denken sozialdemokratische Deutschtürken zu Erdogan?

 

LANDKREIS. Seit Tagen provoziert Recep Tayyip Erdogan die Europäer, vor allem die Deutschen. Doch wie denken die Deutschtürken? Das TAGEBLATT hat in der Region nachgefragt.

Ismet_Özgün_2017_03_18.jpgFoto: Stader/Buxtehuder Tageblatt

Ismet Özgün

"Mit seiner Verfassungsreform will Erdogan seine Diktatur festigen und ein neues Sultanat gründen“, sagt Ismet Özgün, Buxtehuder SPD-Ratsherr und Imbiss-Besitzer. Er kam 1992 nach Deutschland und hat kurdische Wurzeln und „nur“ die deutsche Staatsbürgerschaft. Erdogan habe die Demokratie längst abgeschafft und mehr als eine halbe Million Menschen aus dem Südosten vertrieben; Städte und Dörfer würden systematisch zerstört, Viehherden getötet. Der Nazi-Vergleich sei „absolut abwegig“, in Deutschland und in den Niederlanden gebe es vorbildliche Demokratien, Rechtstaatlichkeit und Meinungsfreiheit. Ausländische Politiker sollten hier keinen Wahlkampf machen und die hier lebenden Türken sollten nur hier wählen – in dem Land, in dem sie leben. Das sei Integration.

Helin_Oezbek_2017_03_18.jpgFoto: Stader/Buxtehuder Tageblatt

Helin Özbek

Helin Özbek, in Stade lebende Deutschtürkin, sagt: Ich bin wahlberechtigt und werde am 16. April natürlich wählen gehen und gegen Erdogans-Pläne stimmen. Erdogan hat seine Grenzen längst überschritten, deswegen ist es auch wichtig, dass wir, die in Deutschland lebenden Deutschtürken gegen Erdogans Verfassungsentwurf stimmen - einfach weil ich Angst um die Demokratie in der Türkei habe. Ich hoffe, dass viele Menschen, die die doppelte Staatsbürgerschaft haben, gegen ihn stimmen, weil wir unsere Demokratie behalten wollen. Wir wollen keinen islamischen Staat haben. Mit dem Nazi-Vergleich hat Erdogan noch die letzte Grenze überschritten, er macht das ganz bewusst, um zu provozieren und seine Landleute hinter sich zu bringen - auch in Deutschland.

Osman_Can_2017_03_18.jpgFoto: Stader/Buxtehuder Tageblatt

Osman Can aus Stade – er saß für die SPD im Rat der Stadt – wirft Erdogan vor, die demokratischen Errungenschaften der Türkei zu nutzen, um sie abzuschaffen. Er wird das Referendum auf keinen Fall unterstützen. Erdogan sei nur bestrebt, seine Macht auszuweiten. Vom Rechtsstaat werde nichts übrig bleiben. Der Vorwurf, Deutschland sei ein Nazi-Staat, sei lächerlich und unangemessen. Erdogan spreche Gefühle an, aber biete keine Lösungen. Für Can „die Krankheit unseres Jahrhunderts“.

Erschienen im Stader/Buxtehuder Tageblatt vom 18.03.2017

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